Sargfabrik

Ute Fragner und Robert Korab haben uns mit ihrem Verein für integrative Lebensgestaltung vertraut gemacht. Eine Reportage von Beatrice Stude.

In der Energie der Arena- und WUK-Besetzung, Hainburg und dem „Nein“ zu Zwentendorf begann ihre Utopie. Der Übergang aus der studentischen Wohngemeinschaft war Antrieb für die Suche nach einer passenden Lebensform. Doch die Frage nach dem idealen Lebensraum griff zu kurz. Der gesellschaftspolitische Antrieb integrativ leben zu können, war es der zehn Jahre Vorbereitungszeit durchhalten ließ. Heute nach 20 Jahren hat die Anerkennung über die Furcht gesiegt. Die Sargfabrik ist etabliert und weiter gesellschaftspolitisch engagiert. Sicher ist sie auch einer der Auslöser für die heutige Baugruppenvielfalt. Doch ist heute alles leichter geworden? 

Unser Vorhaben braucht viele Schultern – 100 Personen war die Zielgröße, die eine Kultur entstehen lassen, die auch wachsen, sich entwicklen und erhalten kann.“ Mit ihrem Verein für integrative Lebensgestaltung (VIL) wollten sie vor allem auch die Lebens- und Arbeitswelt wieder miteinander verbinden. Diese Idee konnte nicht in der damals visionierten Art (beispielsweise mit eigener Tischlerei) umgesetzt werden. Aber von einem reinen Wohnprojekt ist die Sargfabrik weit entfernt. Kindergarten, Badehaus mit Schwimmbad, sowie Kulturort und Treffpunkt: Die Sargfabrik bietet heute etwa 20 Arbeitsplätze. Auch wenn es sich dabei nicht immer um Vollzeitstellen handelt, ist die Bilanz bemerkenswert. Der Kindergarten hat 47 Plätze, ist dreisprachig – deutsch, türkisch und serbokroatisch – und versorgt das umliegende Grätzel. Dazu kommt ein Hort mit 14 Plätzen und angedacht ist eine Kleinkindergruppe (halbtags) mit 8 Plätzen. Das Lokal ist verpachtet und bietet als soziolökonomischer Betrieb weitere Arbeitsplätze für Menschen mit Problemen am Arbeitsmarkt, ihren TrainerInnen und AusbildnerInnen.

Die Sozialdemokratie hat in der Anfangsphase des Projekts sehr unterstützt. Der damalige Wohnbaustadtrat Rudolf Edlinger hatte kurzerhand bei der städtischen Zentralsparkasse ein gutes Wort für die Vergabe eines Kredites für den Grundstückskauf eingelegt. Die Konditionen waren so gut, wie sie für eine unbekannte Gruppe mit einer Vision sonst schwer gewesen wären. Doch für einen Bankkredit hätte es damals wahrscheinlich auch ohne Unterstützung der Stadt gereicht. Es war lange vor Basel II, vor der 2007 umgesetzten restriktiv vorgeschriebenen Absicherung durch Eigenkapital.

Die Gebäude selbst sind mit Mitteln der Wohnbauförderung Wiens errichtet worden. 

Heute steht die Förderung gemeinschaftlicher Baugruppenprojekte in der Kritik. Zurecht, da für Wohnheime die Einkommensgrenzen nicht gelten und damit die soziale Treffsicherheit der Förderung in Frage gestellt wird. Doch statt nun einfach keine Baugruppenprojekte mehr zu fördern, sollte die Förderung angepasst werden! Warum gemeinschaftliche Wohnprojekte stattdessen nicht als klassische Wohnprojekte errichtet werden, hat vor allem zwei Gründe, denn bautechnisch kommt die Errichtung finanziell kaum günstiger. Erstens: Die BewohnerInnen eines Wohnheims erhalten nicht dieselben Rechte wie MieterInnen nach dem Mietrechtsgesetz, das lässt den notwendigen Gestaltungsspielraum für die Gemeinschaft. Zweitens: Die weitaus geringere Pkw-Stellplatzverpflichtung schafft Raum und Geld für Gemeinschaftsnutzungen. In der Sargfabrik gibt es für 65 Wohnungen 7 Pkw-Stellplätze. Ein eigenes Auto besitzen auch heute nur etwa 1/3 der Haushalte in der Sargfabrik.

Gemeinwohltätigkeit und Belebung des Grätzels mit all seinen direkten und indirekten positiven Auswirkungen auf die Lebensqualität aller – ist das nicht förderungswürdig? Auf jeden Fall und sollte es auch! Nur muss hier sauber getrennt und darf nicht alles mit der Wohnbauförderung vermischt werden. Eine Einkommensgrenze für die Wohnheimwidmung wäre sehr zu begrüßen und damit (wieder) sozial. Punkt. Darüber hinaus wäre eine Beschränkung der Wohnfläche pro Person sehr sinnvoll. Wenn es die Förderung vorschreibt, tut sich eine Gemeinschaft wie die Sargfabrik viel leichter darin, Menschen, deren Kinder ausgezogen sind, für kleinere Wohnungen im Projekt zu motivieren. Für die Einrichtungen des Gemeinwohls und der Belebung des Grätzels sollte es geeignete Förderungen geben – oder besser noch Steuerbegünstigungen. Letzteres macht unabhängig und Projekte besser planbar.

Was bleibt nach zwanzig Jahren? „Wir sind sicher konservativer geworden, aber die Grundideen haben Bestand.“ So liegt die Miete bei ca. neun Euro pro Quadratmeter – inklusive Heizung, Warmwasser, Telefongrundgebühr und Versicherung wohlgemerkt! Zehn Prozent der Mieteinnahmen subventionieren die Kultureinrichtungen, so wie es damals festgelegt wurde. Wer finanziell in Not gerät wird aus dem eigenen Sozialfonds unterstützt. Eine Einrichtung, die wohlweislich aufgrund der Rechtsform „Wohnheim“ vorgesehen wurde, da WohnheimbewohnerInnen keinen Anspruch auf Mietzinsbeihilfe von der Gemeinde Wien haben. So sorgt die Sargfabrikgemeinschaft für ihre Mitglieder, entlastet den Staat und trägt selbst ein stückweit zur Verteilungsgerechtigkeit bei. Selbstkritisch würden sie heute Folgendes anders machen: Beim Aufsetzen eines neuen Projektes würden sie die Finanzierungeinlagen nicht mehr wertsichern, da es den Einstieg für Neulinge ins Projekt erheblich verteuert. 

Heute leben ungefähr 250 Erwachsene inklusive Kindern und Jugendlichen in der Sargfabrik. Wie ist ein Verein mit einer solchen Mitgliederzahl entscheidungsfähig? Es gibt 110 ordentliche Vereinsmitglieder, das sind jene, die Einlagen in den Verein eingebracht haben, die mitentscheiden dürfen. Ziel ist nach wie vor der Konsens, wenn dieser nicht möglich ist, erfolgt die Entscheidung mit Zwei-Drittel-Mehrheit. Ideal ist das nicht, es hinterlässt Narben. 

Wenn alles so gut läuft und sich alle wohl fühlen, warum hat sich die Sargfabrik nicht vergrößert? Der Erfolg der Sargfabrik ist auch gleichzeitig ihr eigener Feind. Gentrifizierung, Verdrängungsprozesse zulasten finanzschwacher Bevölkerungsschichten wurden ausgelöst. Oder anders gesagt: Die Belebung des Grätzels hat die Grundstückspreise im Umfeld zusätzlich zu den generell steigenden Grundstückskosten in Wien steigen lassen. Andere Bauprojekte werben mittlerweile mit ihrer Sargfabriknähe und deren Einrichtungen für sich – unabgestimmt. Mit der „Miss Sarg“ gab es im Jahr 2000 eine Erweiterung. Doch es ist nicht so recht zusammengewachsen. Die Verbundenheit entsteht durch tägliche Nähe, die aber fehlt bei über 50 Metern Entfernung, zur zweiten Gemeinschaft, die in einem anderen Wohnblock lebt. So könnten Sargfabrik und Miss Sarg heute auch zwei Projekte sein, die sich derselben Sache verschrieben haben. Eine dritte Erweiterung wäre daher nur mehr im direkten Anschluss denkbar. Doch der Grund ist teuer. 

Die Idee, eine Erweiterung über den Bau von Eigentumswohnungen quer zu finanzieren, wurde schnell verworfen. Es wäre inkonsequent sich der Mechanismen des kapitalistischen Marktes zu bedienen, die sie selbst verurteilen.

Ein Fazit bleibt: Alles lässt sich lösen, nur der Zugang zu bezahlbaren Grundstücken nicht. Das ist die heutige Herausforderung für alle Projekte. Und aus diesem Grund begrüßt auch die Sargfabrik RASENNAs Initiative, ein Angebot zu schaffen um andere Wege zu gehen.


Link: Sargfabrik