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Ende März wurde die neue Initiative Ouvertura Interessierten vorgestellt: das Konzept, bereits Geleistetes und eine kleine Vorschau auf das, was kommen mag. Ein erstes spannendes Erntejahr steht bevor! Eine Reportage von Stéphanie Krischel.

Was passiert, wenn landwirtschaftsbegeisterte Freigeister durch zufällige Umstände für längere Zeit ihre kreativen Köpfe zusammenstecken? Es gedeiht in detaillierter, zweijähriger, ehrenamtlicher Planung die Initiative Ouvertura: Ein neues Projekt des solidarischen Landwirtschaftens, eine neue CSA (Community Supported Agriculture). Da wären ein Elektroniker, eine Permakulturistin, eine Nutztierwissenschaftlerin, ein Gärtner, ein Physiker, eine Sozialwissenschaftlerin und eine Musikerin – soweit das aktuelle Kernteam. Starke Hände im erweiterten Helfer*innenkreis gibt es noch mehr.

Das Prinzip von Ouvertura ist ebenso einfach wie genial. Produzent*innen und Konsument*innen machen sich buchstäblich gemeinsam die Hände schmutzig und profitieren von qualitativ hochwertigen Lebensmitteln. Weg vom Produzieren hinter geschlossenem Hoftor. Unkrautzupfen, Bäume pflanzen, Beete anlegen, Workshops, Ernten oder Sammeln von Rezeptideen: Die Konsument*innen sind willkommen am Acker und Teil des Feld- und Verarbeitungsgeschehens. In der Praxis bereits bewährt hat sich das Konzept bei der CSA Gela (steht für Gemeinsam Landwirtschaften) Ochsenherz, bestehend aus dem Gärtnerhof und dem Verein der Ernteteiler*innen. Von Gänserndorf aus werden seit 2011 Ernteteiler*innen, sprich Verbraucher*innen, vorwiegend mit Gemüse und Kräutern versorgt. Das aktuelle Vorhaben von Ouvertura ist stark angelehnt an das erfahrene Tun von Gela Ochsenherz, durch welche sich das Ouvertura-Team auch gefunden hat. Durch Pilze, Obst, Nüsse, Getreide, Eier und Verarbeitungsprodukte wie Säfte, Marmeladen und Chutneys von Ouvertura in Moosbrunn wird die Produktpalette der solidarisch erwirtschafteten Erzeugnisse im Großraum Wien nun erweitert.

Die zirka 12 Hektar Feldfläche, Obstgarten und Pilzbeet liegen etwa 40 Minuten von Wien entfernt und sind gut mit Zug und Drahtesel zu erreichen. Bei Ouvertura gibt es keine Standarderntemengen Woche für Woche nach Wunschliste, sondern das, was Boden, Strauch und Baum gerade liefern, wird gerecht unter den Mitgliedern aufgeteilt. Hat Petrus länger schlechte Laune oder toben sich die Wühlmäuse so richtig aus, so erreicht auch mal eine Süßkartoffel weniger die Konsument*innen – schließlich sind diese bewusst  „Ernteteiler*innen“. Dito umgekehrt: Gibt es eine Kultur „en masse“, so quillt die Wochenportion auch mal gern über – aber nicht auf Knopfdruck, Natur eben. Jeden Dienstag heuer ab Ende Mai, in den Folgejahren bereits ab Februar, werden die zusammengestellten Erntekisten zu den Abholstationen befördert. Hierzu gehören Geschäfte, Lokale oder Lagerräume in Wien und Gänserndorf. Weitere Verteilerstellen in der Region sind im Entstehen.

Neben der Gemeinschaftsarbeit im Freiland ist die solidarische Finanzierung ein wichtiger Grundgedanke des Projektes und jeder CSA –  die unterschiedlich stark gefüllten Geldbörsen der Ernteteiler*innen sollen dem Willen und dem Bewusstsein, sich die wertvollen Nahrungsmittel zum Leben leisten zu können, nicht im Wege stehen. „Es geht nicht darum, was einzelne Ernteteiler*innen zahlen, sondern um das, was wir gemeinsam beitragen können“, so ein Gründungsmitglied von Ouvertura. Zur Orientierung gibt es einen vorkalkulierten Richtwert: Er setzt sich aus dem benötigten Budget für die Bewirtschaftung zusammen, geteilt durch die Anzahl der zu vergebenden Ernteanteile. Es liegt jedoch im Ermessen der Ernteteiler*innen, ob sie mehr oder weniger beisteuern können. Und das soll funktionieren? Ja, tut es! Die Mitarbeiter*innen und Ernteteiler*innen in Gänserndorf arbeiten bereits erfolgreich seit sechs Jahren nach diesem Prinzip. Wohlgemerkt: gewinnorientiert ist das Ganze nicht, kostendeckend und damit selbsttragend ja.

Schon mal was vom Taubenblauen Austernseitling, der Dalmatinerbohne oder der Böhmischen Nacktgerste gehört? Vielfalt und regionale, dem Standort angepasste Sorten sind auch ein fixer Bestandteil der Philosophie des „solidarischen Landwirtschaftens“. So auch die Bewirtschaftungsform: biologisch, in möglichst geschlossenen Kreisläufen. Für das Ouvertura-Team von Moosbrunn stand dies von Anfang an fest: Verantwortung für die Produktion von Lebensmitteln zu übernehmen, der genormten Standardgurke den Rücken zukehren und abseits der Supermarktmonotonie sich für unser Essen zu engagieren. Groß- und vielartig.

Heuer trägt das ambitionierte Projekt zum ersten Mal Früchte, im wahrsten Sinne des Wortes, und Getreide und Pilze, um genauer zu sein. Gerste und Weizen sind bereits ausgesät, 20 Raummeter Baumstämme wurden im vergangenen Jahr mit diversen Pilzkulturen beimpft. Die ersten Obstbäume wurden gepflanzt – Kriecherl und Zwetschken im Herbst letzten Jahres, Walnussbäume, Kaki und Feigen heuer im Frühling. In den Sä- beziehungsweise Pflanzstartlöchern für April/Mai stehen Trockenbohnen, Mais, Hirse, Amaranth und Süßkartoffeln. Obst und Beeren aus eigenem Anbau landen erst in den Kisteln, wenn die Bäume und Sträucher ausreichend tragen. Zwischenzeitlich kooperiert Ouvertura mit Obstbaumbesitzer*innen, die ihre Bäume nicht mehr beernten – auch für die Produktion von Apfelsaft. Die Hühner sind gedanklich im Anflug, wann genau das eierlegende Federvieh fix in die bereits eingezäunten Obstgärten einzieht, steht noch nicht fest. Eins nach dem anderen.
Ein baldiger zukunftsweisender Schritt wird die teilweise Überführung der Grundstücke in die Munus Stiftung – Boden für gutes Leben (in Gründung) sein. Zur dauerhaften Absicherung der zukünftigen Bewirtschaftung im solidarischen Sinne und auch als eine Art „Bodenschutz“. Schutz vor Bebauung oder intensivem Anbau, beispielsweise.

Die Spannung im ersten Ertragsjahr ist natürlich besonders groß, die Motivation und Begeisterung der Wahllandwirt*innen von Ouvertura aber genauso. Die Ideenkiste für die Zukunft ist bereits jetzt prall gefüllt: Da wären das Brotbacken, die Aufstriche, der Spargel- und Reisanbau sowie der Honig von einem Kooperationsimker. In freudiger Erwartung was die Zukunft, der Standort und die verfügbare Zeitkapazität bringen mögen. Die vorgesehenen 80 Pionierernteanteile sind zur Hälfte vergeben – für das Debütjahr von Bohne, Pilz & Co. nicht schlecht. Dennoch heißt es: aktiv werden, weitersagen, Kontakt aufnehmen, Bewusstsein schaffen sowie Verantwortung übernehmen. Also Pionierernteteiler*in werden, den Spaten schwingen oder Baumpflege- beziehungsweise Pflanzpatenschaften übernehmen. Spenden ist ebenso erlaubt. Möglichkeiten über Möglichkeiten!

Wer sich übrigens fragt, wieso denn ausgerechnet der Name „Ouvertura“, der bekommt gleich mehrere Antworten: Ganz am Anfang stand die Idee, Eier zu produzieren. „Ou“ wie „Ei“ auf rumänisch, der Muttersprache einer der Initiatoren. Dann lag, im Sinne der Kreislaufwirtschaft, der Anbau von eigenem Getreide auf der Hand. Als Strohverwertungsmöglichkeit die Pilzzucht – und die Idee Ei-Getreide-Pilz war geboren. Außerdem „Ouvert“ (frz.) – offen für neue Ideen, für Zusammenarbeit, Mitarbeit, Solidarität. „Verdura“ – Gemüse (ital.), „vert“ – grün (frz.), die Ouvertüre, der Auftakt zu einem neuen grünen Anbauprojekt, quasi.

Zusammen mit den Verbraucher*innen die Felder bewirtschaften und sich die Ernte sowie die Finanzierung teilen – solidarisch mit Mensch und Natur – ein starkes Projekt mit Zeitgeist, sowie Hand und Fuß, bei Feldarbeit unverzichtbar.

Details, Kontakte oder Neues zum Feldgeschehen beider Projekte der solidarischen Landwirtschaft sind auf Ouvertura und GeLa Ochsenherz zu entdecken.