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Kooperation statt Konkurrenz, Gemeinschaft statt Einzelkämpfertum! Wie wir gemeinsam die Zukunft gestalten, unsere Arbeitsbedingungen selbst bestimmen können und wie dafür die Verbindung von OpenSource, Commons und Cooperatives – also Genossenschaften – essentiell ist. Über ihre Einblicke auf der ‚Open:2017 cooperative platforms‘ und die Veränderungen in der Arbeitswelt berichtet Beatrice Stude. Erschienen ist dieser Artikel auch im SOL Magazin im Mai 2017.

Aus der Besetzungsbewegung infolge der Finanzkrise 2008 wuchs die Überzeugung, dass Genossenschaften die digitale Welt brauchen, um überleben und ihre Wirkung entfalten zu können. Die Konferenz Open:2017 cooperative platforms fand Anfang des Jahres an der Goldsmith-Universität in London statt und war die erste Veranstaltung ihrer Art in Europa, um Open Source Software mit Genossenschaften und Allmende zu verbinden. Dabei geht es weder um Technologielösungen, noch wird ein bestimmter Lebensstil propagiert – es geht um das ethische Bekenntnis!

Trebor Scholz, author, co-founder of platform cooperativism and Associate Professor of Culture and Media Studies at New School LANG, New York City started off at Open:2017: „Airbnb, Uber & Co. is capitalism on steroids!“

„Airbnb, Uber & Co. ist Kapitalismus mit Aufputschmitteln!“, eröffnete Trebor Scholz von der New School LANG in New York die Open:2017. Diese Plattformen wollen nur eines: Profit machen. Sie setzen kurzerhand unsere Gesetze außer Kraft, die wir lange gesellschaftlich ausverhandelt und teils erkämpft haben. Indem wir diese Plattformen nutzen, haben wir alle gemeinsam Kapital geschaffen und einige Leute sehr reich gemacht. Dabei haben wir die Kontrolle über unsere Daten, unsere Mitbestimmung der Arbeitsbedingungen und lokale Steuerhoheit abgegeben. Parallel dazu wächst modernes Tagelöhnertum. Laut deutschem Institut für Wirtschaftsforschung arbeiten bereits 1,5 Millionen Menschen in Deutschland in Arbeit auf Abruf. Das heißt: reduzierte Lohnnebenkosten und minimiertes Auslastungsrisiko für die Arbeitgeber, jedoch unkalkulierbares (Lebens-)Modell, finanziell und zeitlich, für die Angestellten. Österreich ist da anders – noch! Hier hat der oberste Gerichtshof die Bedarfsarbeitsverträge, wie sie hierzulande heißen, als sittenwidrig abgestraft, auf Klage der Arbeiterkammer.

Weder Technologie noch Digitalisierung sind das Problem mit Uber, Amazon und Co., sondern deren Geschäftsmodell. Keine Werte, nur profitgetrieben – Gewinnmaximierung Weniger statt Existenzsicherung für viele. Die Gewerkschaften im Vereinigten Königreich kämpfen nur für die Rechte ihrer Mitglieder. Darin liegt ein Teil des Problems. Selbstständige haben im Vereinigten Königreich derzeit keine Lobby. In Österreich gab es Verbesserungen, aber ist es kaum nachvollziehbar, dass die Sozialversicherungsbeiträge für Vielverdiener gedeckelt sind, hingegen Anreize und Entlastung für diejenigen, die weniger verdienen fehlen, wie sie beispielsweise die progressive Einkommenssteuer vorsieht. Ein Blick nach Belgien zeigt, wie sich eine Genossenschaft – SMart – entlang der Bedürfnisse ihrer Mitglieder entwickelte und bei Bedarf als Gewerkschaft auftritt. Beispielsweise hat SMart für ihre Fahrradkuriere bessere Konditionen mit Lieferdiensten wie deliveroo ausverhandelt. SMart hat heute über 75.000 Mitglieder, denen sie die Bürokratie abnimmt. Auf Wunsch stellt SMart die Mitglieder bei sich an und zahlt das Honorar pünktlich aus – unabhängig davon, wann und ob der Auftraggeber zahlt.

Mitgestalten setzt Zugang zu relevanten Informationen voraus; alles andere ist Glauben und weit weg von Selbsthilfe, Selbstgestaltung und Selbstverantwortung – den Grundpfeilern genossenschaftlichen Wirtschaftens. Eigentümerschaft ist der Schlüssel zur Mitbestimmung. Mit genossenschaftlichen Plattformen können wir uns die Entscheidungshoheit zurückholen. Denn der Wandel kommt von den Menschen, nicht von der Regierung. Aber die Regierung kann auf effektive Weise unterstützen.

Eine Allmende, auch Commons genannt, bezeichnet gemeinschaftliches Eigentum – an beispielsweise Land, materiellen Gütern oder auch immateriellen Dingen wie Software – somit die gemeinschaftliche Verwaltung und Nutzung – Exkurs Allmende.

Kooperative Plattformen als Antwort auf Airbnb, Uber & Co.? Im Vereinigten Königreich  gibt es keine Rechtsform für Genossenschaften. Alles kann eine Co-op sein. Was zählt ist das Geschäftsmodell, wie Entscheidungen getroffen und der Gewinn verteilt wird. Was aber ist eine kooperative Plattform? John Hagel III, Berater und Spezialist der Schnittstelle von Geschäftsstrategie und IT, definiert sie so: „Eine genossenschaftliche Plattform ist die Anstrengung, weitgreifend die Bedingungen des Wettbewerbs für einen Marktsektor neu zu definieren, durch eine positive, mobilisierende Botschaft den Nutzen all jenen versprechen, die die neuen Bedingungen übernehmen.“ Die Erschaffung von Allmende auf diesem Wege, in der digitalen und in der realen Welt, ist essentiell für die Gestaltbarkeit unserer Zukunft. Denn Allmende sind menschliche Regelwerke, die durch Kommunikation entstehen. Menschen kommunizieren miteinander über die Nutzung der ihnen zur Verfügung stehenden Ressourcen, um sie zu erhalten, wie Wirtschaftsnobelpreisträgerin Elenor Ostrom belegte.

John Hagel III, author and former consultant who specializes in the intersection of business strategy and information technology, defined cooperative platforms like this:  „A platform Co-op is an effort to broadly redefine the terms of competition for a market sector through a positive, galvanising message that promises benefits to all who adopt the new terms.“

Die Genossenschaftsbewegung ist da. 250 Millionen Menschen sind in Genossenschaften tätig, weltweit. 2,6 Billionen Euro Umsatz werden durch die größten 300 Co-ops generiert. Viele weitere sind erfolgreich, wie die Phone Coop UK, die die Open:2017 sponserte. Oder wie Stocksy, eine Plattform für Fotografie, die zeigte, dass Profitplattformen genossenschaftlich umgesetzt werden können. Stocksy begann mit 1,4 Millionen Euro und der Kompetenz der Menschen, die von istock wechselten. Nach einem Jahr arbeiteten sie kostendeckend, heute ist Stocksy 8,3 Millionen Euro wert und in Eigentümerschaft der Kreativen selbst.

Eine Co-op ist eine Kooperative ist gleich eine Genossenschaft. Nur dass Genossenschaft in Österreich eine Rechtsform ist, die dem Genossenschaftsgesetz unterliegt. Die Genossenschaft ist DIE Rechtsform für kooperatives Wirtschaften, grundsätzlich ist es aber auch mit anderen Rechtsformen möglich.

Co-ops könnten den Mediensektor erobern. Die Diskussion um Twitter – #wearetwitter – zeigt das Potenzial für genossenschaftliche Eigentümerschaft der NutzerInnen von sozialen Medien. Unzufriedenheit mit der BBC, als nicht vielfältig genug und zu nah an der Regierung, war Ausgang für die Initiative ProgressiveTV, einer nationalen Fernseh-Co-op. Eine weitere ist Radio re-publika, die ernsthafte Nachrichten per App und Podcasts anbieten will: „Du bezahlst, wir berichten. Sonst sind wir niemandem verpflichtet.“ Unabhängige Finanzierung schafft unabhängige Nachrichten. Dies wird immer wichtiger in der Zeit in der wir leben, wie es schon sehr trefflich John Berger, Schriftsteller, Booker-Prize-Gewinner und Kunstkritiker, formulierte: „In der totalitären globalen Ordnung des spekulativen Finanzkapialismus, unter der wir leben, bombardieren uns die Medien unablässig mit Informationen, doch sind diese Informationen meistens eine geplante Ablenkung, die uns davon Abhalten unsere Aufmerksamkeit auf das zu richten was wahr, wichtig und dringlich ist.“

John Berger, English art critic, novelist, painter and poet, as well as Booker Prize Winner, noted: „In the totalitarian global-order of financial speculative capitalism under which we are living, the media ceaselessly bombard us with information, yet this information is mostly a planned diversion, distracting our attention from what is true, essential and urgent.“

Viele weitere Beispiele existieren: wie Fairmondo, ein genossenschaftlicher Marktplatz für verantwortungsbewussten Konsum und Tauschen, mit der Vision relevant für Amazon zu werden. Wie dem lokalen Pendant zu Uber in Denver, wo die Taxler sich genossenschaftlich organisiert haben und 37 Prozent Marktanteil halten. Oder beim Open Food Network UK, die die Plattform-Lösungen von Australien übernommen haben. Infolge ihrer hohen Interoperabilität, die sogar die Bestellung von Zitrusfrüchten oder Avocados aus Spanien leicht abwickeln lässt, nutzen diese auch Foodcoops in Frankreich und Skandinavien.

Die Soft- und Hardware gemeinschaftlicher Organisation kostet. Update, Betreuung, Support – wir zahlen dafür. Indirekt wenn wir beispielsweise Google-Spreadsheets nutzen, da unsere Daten verwertet werden. Oder direkt, bestenfalls bekennen wir uns zu freier Software und tragen gemeinschaftlich die anfallenden Kosten und zahlen die notwendige Arbeitsleistung. So verbleibt die Eigentümerschaft bei uns und damit die Mitbestimmung.

Und Österreich? Es ist einiges in Bewegung: SMart.At – Büro für KünstlerInnen und Kreative, Rückenwind – Förderungs- und Revisionsverband gemeinwohlorientierter Genossenschaften, CrowdCoopFunding – die genossenschaftliche Form des Crowdfundings, die WoGen – Wohnprojekte-Genossenschaft und die Munus Stiftung – Boden für gutes Leben zur Absicherung von Allmende sind derzeit in Gründung, im Aufbau oder schon am Wachsen.

Trebor Scholz, author, co-founder of platform cooperativism and Associate Professor of Culture and Media Studies at New School LANG, New York City, said: „We have to cooperate to become relevant!“

Das alles bewegt sich noch auf einem sehr niedrigen Niveau. „Wir müssen kooperieren, um relevant zu werden!“, schließt Trebor Scholz, Mitbegründer des neuen Netzwerks platform cooperativism, das einen kostenlosen Onlinekurs plant: genossenschaftliches Lernen für alle. Die Zukunft lautet Vielfalt und Kooperation, ein Bekenntnis zu Open Source Software und Commons, sowie eine Ko-existenz mit der Investoren-Welt. Es ist keine Frage der Werkzeuge, es ist eine Frage der Haltung. Wir alle treffen mit unserem Geld eine Wahl – geben wir es in Genossenschaften und kooperativen Gemeinschaften aus.